England unter den angevinischen Königen, Bände I und II cover
Anjou, Haus Study Guide

England unter den angevinischen Königen, Bände I und II

Hilfreiche Guides für Leser, Studierende und neugierige Lernende.

Norgate, Kate · 2022 · 12 min

England unter den angevinischen Königen: Ein Studienführer

I. Die Grundlagen der angiovinischen Macht (843–1040)

Der Aufstieg des Grenzlandes

Die Geschichte beginnt nicht in England, sondern im Loiretal, wo die Grafschaft Anjou nach dem Vertrag von Verdun von 843 als eines der Grenzländer („Marken“) des westfränkischen Reiches hervortrat. Das Gebiet war strategisch bedeutsam: es kontrollierte die Loiregrenze zwischen Neustrien, Aquitanien und der Bretagne. Normannische Überfälle von der Mitte des neunten Jahrhunderts an verwandelten Anjou von einer ruhigen Grenzregion in eine entscheidende Verteidigungszone. Als Graf Lambert seinen Posten 843 an bretonische und normannische Verbündete verriet, fiel Nantes, und die Loire wurde zu einer umkämpften Heerstraße.

Die karolingische Antwort war die Schaffung eines großen Markgrafentums unter Robert dem Tapferen, dem Stammvater der kapetingischen Dynastie. Sein Tod bei Brissarthe im Jahre 866 im Kampf gegen Bretonen und Nordmänner markierte einen Wendepunkt: die Mark zerfiel, und eine neue Linie lokaler Verteidiger trat hervor. Unter ihnen befand sich Tortulf der Förster, ein bretonischstämmiger Grenzherr, der für seine Wachsamkeit belohnt wurde und dessen Sohn Ingelger in die Familie des Erzbischofs von Tours einheiratete und Ländereien bei Amboise erwarb. Sein Nachkomme Fulko der Rote, der erste erbliche Graf von Anjou, festigte die Mark, indem er in den 920er Jahren den neuen robertinischen Herzögen der Franzosen diente und Roscilla von Loches heiratete, wodurch er einen strategischen Stützpunkt in der Touraine gewann.

Die Belege für die frühe angiovinische Ahnentafel sind bekanntermaßen dürftig. Die wichtigste erzählerische Quelle, die Gesta Consulum Andegavorum des Johannes von Marmoutier (spätes zwölftes Jahrhundert), ist ein „Flickwerk“, das auf einem verlorenen Werk des Abts Odo beruht und die Ursprünge der Dynastie mit legendärem Material ausschmückt. Die moderne Geschichtswissenschaft betrachtet die Existenz eines frühen Grafen namens Ingelger mit ernsthaftem Skeptizismus, und Fulko des Roten Chronologie beruht auf sorgfältiger Urkundenanalyse rather than on the monastic legends. (Korrektur) – und Fulko des Roten Chronologie beruht auf sorgfältiger Urkundenanalyse und nicht auf den klösterlichen Legenden.

Fulko der Gute und das Goldene Zeitalter

Fulko der Gute (ca. 941–960) führte eine so friedliche Herrschaft, dass die Chronisten nichts zu berichten wussten. Seine Frömmigkeit war sprichwörtlich: er besaß ein Kanonikat an Saint-Martin von Tours und lebte eher als Kleriker denn als Krieger. Dennoch baute seine stille Herrschaft die von den Nordmännern verwüsteten Kirchen und Städte wieder auf und zog Siedler aus den Nachbarregionen an, wodurch er die demographischen Grundlagen für die spätere angiovinische Macht legte. Die berühmte Legende, wie er einen Aussätzigen nach Tours trug, der sich als Christus offenbarte, bringt das Ideal des guten Herrschers zum Ausdruck, das die folgenden Grafen beschwören sollten.

Geoffrey Graumantel und die ersten Eroberungen

Geoffrey Graumantel (ca. 960–987) brach mit der pazifistischen Tradition seines Vaters und verdankte seinen Beinamen dem rauen grauen Wollkittel der angevinischen Bauernschaft. In engem Bündnis mit Hugo Capet dehnte er den Machtbereich Anjous in drei Richtungen aus: westwärts in die Bretagne, südwärts ins Poitou und nordwärts Richtung Maine. Seine Laufbahn markierte den Augenblick, in dem die Grafen von Anjou aufhörten, bloße Markgrafen zu sein, und zu aggressiven territorialen Expansionisten wurden. Sein Tod im Jahr 987, wenige Wochen nach der Krönung Hugo Capets, schloss das Übergangsjahrhundert der Karolinger und eröffnete das kapetingische Zeitalter.

II. Anjou gegen Blois (987–1044)

Die Legende von Fulk Nerra

Keine einzige Gestalt prägte die frühe angevinische Identität so machtvoll wie Fulk Nerra, der schwarze Graf (987–1040), der einundfünfzig Jahre lang über Anjou herrschte. Sein Charakter, von zeitgenössischen Chronisten festgehalten, verband kühle Berechnung mit plötzlicher Gewalt und wechselte zwischen rücksichtslosem Ehrgeiz und jähen Anfällen von Bußfertigkeit. Eine von Gerald von Cambrai überlieferte Legende berichtet von einem Grafen von Anjou, der eine Frau heiratete, die keine Kirche betreten konnte, und die sich schließlich als Dämonin entpuppte, als sie mit zwei Kindern durch ein Kathedralfenster davonflog und einen entsetzlichen Gestank hinterließ. Richard Löwenherz soll über die Geschichte bemerkt haben: „Was Wunder, wenn uns die natürlichen Regungen der Menschheit fehlen, da wir vom Teufel stammen und zum Teufel zurückkehren müssen.“

Ob die Legende ursprünglich an Fulk Nerra hing oder nicht – sie erfasst das angevinische Selbstbild: eine Dynastie, deren Macht aus etwas anderem kam als gewöhnlicher menschlicher Güte. Die moderne Forschung sieht die Legende als mönchische Erklärung für Fulks fast übermenschliche Verbindung von militärischem Genie, politischer List und impul­siver Grausamkeit.

Die Burgenkette und die Politik der Fälschung

Fulk Nerras territoriale Strategie war architektonisch. Beginnend in den 990er Jahren errichtete er eine Kette von Befestigungen, die sich von Angers in weitem Bogen durch die Touraine bis nach Amboise erstreckte, darunter Montreuil, Passavant, Loudun, Mirebeau, Sainte-Maure, Loches und Montrichard. Dieser Bogen von Burgen „zweiteilte“ die Besitzungen von Blois und verband zugleich die angevinischen Stützpunkte mit dem Herzen Anjous. Das architektonische Programm wurde von kirchlicher Patronage begleitet: Fulk gründete die Abtei Beaulieu an der Indre (der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht), um eine Reliquie des Wahren Kreuzes aufzunehmen, die er von seiner ersten Pilgerfahrt nach Jerusalem mitgebracht hatte.

Das geistliche Leben des Grafen war so dramatisch wie sein politisches. Nachdem er im Jahr 1000 seine Frau Elisabeth wegen Ehebruchs hinrichten ließ und unmittelbar darauf die sofortige Verbrennung von Angers als göttliches Strafgericht erlebte, unternahm Fulk vier Pilgerfahrten nach Jerusalem. Auf seiner letzten Reise im Jahr 1040 ließ er sich auf offener Straße in der Heiligen Stadt von zwei Dienern geißeln, während er laut um Gnade flehte. Er starb am 21. Juni 1040 in Metz und wurde in Beaulieu beigesetzt, wo sein Grab sieben Jahrhunderte lang verehrt wurde, bis es 1793 zerstört wurde.

Heiratspolitik: Eine zweite Frau und der Skandal

Fulks zweite Ehe mit Hildegard von Metz brachte Geoffrey Martel (den Hammer) hervor, den würdigen Erben, der die Eroberung der Touraine vollendete. Doch die umstrittenste Ehe des Grafen war seine dritte: Im Jahr 1032 heiratete Geoffrey Agnes, die junge Witwe Wilhelms des Dicken, Herzogs von Aquitanien. Die Verbindung verstieß gegen das kanonische Recht (das Paar waren Cousin und Cousine im dritten Grad der Verwandtschaft) und empörte Fulk Nerra, der sie als Verrat an den dynastischen Prioritäten ansah. Dennoch markierte sie Geoffreys ersten Schritt hin zu einer angevinischen Verwicklung im südfrankreich – eine Entwicklung, die die Geschicke des Hauses Anjou für die nächsten zwei Jahrhunderte prägen sollte.

Die Rivalität mit Blois und der Weg nach Tours

Fulks erbitterter Rivale war Odo II., Graf von Blois-Chartres-Tours, dessen weiter ausgreifende kontinentale Ambitionen die angevinischen Chronisten nachteilig mit dem fokussierten Patriotismus ihrer eigenen Grafen verglichen. Der entscheidende Augenblick kam in der Schlacht von Pontlevoy am 6. Juli 1016, als Fulks Bündnis aus Anjou und Maine Odos Streitmacht zerschmetterte. Doch der Krieg zog sich noch jahrelang hin und erforderte die Einnahme von Saumur (1026) sowie die Bezwingung von Tours, die Fulks Nachfolger Geoffrey Martel schließlich in den 1040er Jahren nach einer einjährigen Belagerung 1043–44 und der Schlacht von Noit vollendete. Mit dem Vertrag von God im Jahr 1044 war die Grafschaft Blois auf die bloße Hauptstadt reduziert, und das gesamte Loiretal von Angers bis Tours gehörte zu Anjou.

Die historische Deutung dieses Kampfes trägt eine tiefere Bedeutung. Wie Kate Norgate darlegt, war der Wettstreit zwischen Anjou und Blois 1043–44 ein “Vorgeschmack auf den späteren Kampf zwischen Stephan von Blois und Heinrich von Anjou um die englische Krone.” Dieselbe dynastische Rivalität, die das gallische Raum des elften Jahrhunderts geprägt hatte, sollte im zwölften Jahrhundert in England wiederkehren – mit demselben Ausgang: die “Gründlichkeit” der Angevins triumphierte über die “unbeständige” Energie von Blois.

Das normannische Vexin und die diplomatische Revolution

Eine parallele Umgestaltung formte die Normandie um. Der Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte im Jahr 911 verlieh dem nordischen Anführer Hrolf dem Gänger die formelle Belehnung mit den Ländereien um die Seine-Mündung und schuf damit ein neues christliches Herzogtum. Zwei Generationen lang blieben die normannisch-französischen Beziehungen feindselig, doch in den 1020er Jahren begannen die beiden Mächte einander durch Heirat zu verbinden. Die entscheidende Wende kam in den 1050er Jahren: 1051 heiratete Herzog Wilhelm Mathilde von Flandern, und bis 1066 sollte seine Macht ihn auf den englischen Thron tragen.

III. Die angelsächsisch-normannische Verbindung (1042–1135)

Maine zwischen zwei Mächten

Die Grafschaft Maine, gelegen zwischen der Normandie und Anjou am rechten Ufer der Loire, bildete den Dreh- und Angelpunkt, um den sich die angelsächsisch-angevinischen Beziehungen drehten. Ihre Bischöfe, die aufgrund einer Schenkung Chlodwigs herrschten, genossen eine quasi-bischöfliche Souveränität, doch die Politik der Grafschaft wurde von ihrer Lage zwischen zwei Raubmächten bestimmt. Im elften Jahrhundert spielte das Haus Bellême, erbliche Vizegrafen einer angevinischen Mark und normannische Grenzherren, die beiden Mächte gegeneinander aus. Die Vernichtung der Familie Bellême im frühen zwölften Jahrhundert setzte Maine dem unmittelbaren Wettstreit zwischen Anjou und der Normandie aus.

Geoffrey Martel von Anjou eroberte 1063 Le Mans, doch sein Tod im Jahr 1060 und die Unfähigkeit seines Neffen Fulk Rechin (1068–1109) ermöglichten es den normannischen Herzögen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Als 1087 Wilhelm der Eroberer starb, war Maine de facto eine normannische Vasallenherrschaft. Seine Rückgewinnung durch die Angevinier sollte erst im zwölften Jahrhundert erfolgen.

Heinrich I. und die normannische Thronfolge (1100–1135)

Als Heinrich I. im Jahr 1100 den englischen Thron an sich riss, war er nicht der naheliegende Erbe. Sein älterer Bruder Robert Curthose hielt die Normandie, Heinrich selbst verfügte lediglich über ein Barvermächtnis von 5.000 Pfund. Das frühe Leben des jungen Königs war eine Abfolge von Abenteuern: Er kaufte seinem Bruder den Cotentin und den Avranchin für 3.000 Pfund ab, wurde von ihm gefangen genommen, nachdem Heinrich seine englischen Besitzungen in Besitz genommen hatte, irrte mit einem winzigen Gefolge durch Frankreich und gewann schließlich die Kontrolle über Domfront, nachdem die Bürger sich gegen ihren tyrannischen Herrn erhoben hatten.

Der Vertrag von Alton (1101) beendete die letzte normannische Invasion Englands. Robert verzichtete auf seinen Anspruch auf den englischen Thron im Austausch gegen eine jährliche Pension, während Heinrich sämtliche seiner normannischen Besitzungen mit Ausnahme von Domfront aufgab. Der Vertrag legte fest, dass welcher Bruder auch immer den anderen überlebe, dessen Herrschaftsgebiete erben solle, falls er ohne legitime Erben sterbe. Die „väterlichen Bräuche“, die Heinrich vom Eroberer geerbt hatte, übertrugen ihm die Befugnis über päpstliche Kommunikation, Kirchenkonzile und die kirchliche Zensur von Kronbeamten, doch Erzbischof Anselm von Canterbury, der sich seit 1097 im Exil befand, weigerte sich, für seinen Bischofsitz den Lehnseid zu leisten.

Die Beilegung des Investiturstreites zwischen 1103 und 1107, die in der englischen Geschichtsschreibung oft übergangen wird, war Heinrichs I. bedeutendste politische Leistung. Der Kompromiss bewahrte die Substanz der königlichen Kontrolle über die Kirche: Der König behielt wirksamen Einfluss auf die Bischofswahlen, und der Lehenseid der Bischöfe für ihre Temporalien glich den Verzicht auf die zeremonielle Investitur mit Ring und Stab aus. Die Vereinbarung erlaubte es dem König, die Kirche wie eine staatliche Abteilung zu regieren – ein Muster, das die gesamte Angevinische Periode hindurch fortbestehen sollte.

Die Verwaltungsrevolution

Die prägende politische Leistung der Herrschaft Heinrichs I. war der Aufbau eines einheitlichen Verwaltungsapparats. Indem er sämtliche Bereiche der öffentlichen Geschäfte mit der Krone verband, stützte sich der König auf einen kleinen inneren Beraterkreis, der sowohl als Curia Regis (der Königshof, der die richterlichen Funktionen des älteren Witenagemot in sich aufnahm) als auch als Exchequer (der Finanzgerichtshof, der die Besteuerung prüfte und das königliche Krongut verwaltete) diente. Die Schlüsselfigur, die dieses System zum Funktionieren brachte, war Roger von Salisbury, jener Bischof, der aus der Armut zum Justiziar aufstieg und zum Vorbild der „neuen Männer“ im Verwaltungsdienst wurde.

Die Belege für dieses System liefert vor allem das einzige erhaltene Pipe Roll von 1130, das nicht nur die nackten Finanzsummen verzeichnet, sondern auch die gesellschaftlichen Einzelheiten jeder Transaktion. Die Rolle legt nahe, dass beinahe jede Wechselfälligkeit des menschlichen Lebens in eine Quelle königlicher Einnahmen verwandelt wurde – von Zahlungen für den Amtsantritt oder das Ausscheiden aus einem Amt über Summen, die Erben entrichteten, um ihr Erbe anzutreten, bis hin zu Heiratsbußgeldern. Das System war ebenso leistungsfähig wie ungleich, ein Vorbild, das Heinrich II. nach der Anarchie wiederherzustellen suchte.

Die Konsolidierung Englands

Die gesellschaftlichen Folgen der Eroberung waren düster gewesen. Bis 1086, dem Jahr des Datalogs (Domesday Book), war ein Drittel des Landes in andere Hände übergegangen, und die einheimische englische Aristokratie war durch eine fremde militärische Kaste ersetzt worden. Bis 1100 zeigten sich jedoch Anzeichen der Verschmelzung. Mischehen zwischen normannischen Herren und englischen Frauen waren verbreitet. Die „presentment of Englishry“ – eine Mordbuße, die Gemeinden auferlegt wurde, wenn der Täter nicht eindeutig als Engländer oder Normanne zu identifizieren war – wurde nach und nach aufgegeben, da sich die beiden Bevölkerungen zunehmend vermischten. Heinrichs Heirat im Jahr 1100 mit Eadgyth, der Tochter des schottischen Königs Malcolm III. und Großnichte Eduards des Bekenners, war ein symbolischer Akt der Versöhnung: Der „grüne Baum“ der west-sächsischen Monarchie wurde auf den normannischen Stamm „umpfropft“.

Die englischen Städte, die unter der normannischen militärischen Besatzung am stärksten gelitten hatten, wurden nun zu den Hauptbegünstigten der königlichen Politik. Unter Heinrich I. erhielten die Städte verbriefte Freiheiten, Kaufmannsgilden und – im Falle Londons – das Recht, ihre eigenen Einnahmen selbst zu verwalten. Wilhelm von Malmesbury, der in den 1120er Jahren schrieb, schilderte das Tal von Gloucester als eine Art Paradies und das Severntal als übersät mit blühenden Marktflecken. Flämische Siedler, die Heinrich I. in Pembrokeshire angesiedelt hatte (ein „Klein-England jenseits von Wales“), wurden zu einem dauerhaften Merkmal der demographischen Landschaft Britanniens.

Die monastische Erneuerung

Die religiöse Erneuerung, die unter Heinrich I. an Kraft gewann, sollte die englische Kirche für zwei Jahrhunderte prägen. Zwei große Reformbewegungen kamen vom Kontinent: die Augustiner-Chorherren und die Zisterzienser. Die Augustiner, die das gemeinschaftliche Leben der Mönche mit dem aktiven Dienst der Weltgeistlichen verbanden, gründeten Häuser wie Holy Trinity Aldgate (1108), Merton (1117) und Kirkham. Die Zisterzienser, die „weißen Mönche“, die ungefärbte Wolle trugen und den Reichtum der großen Benediktinerklöster ablehnten, gründeten Fountains Abbey (1132), Rievaulx (1131) und Tintern (1131). In den 1130er Jahren war die englische Kirche wohl die dynamischste in der gesamten lateinischen Christenheit.

IV. Die Anarchie (1135–1154)

Der Tod Heinrichs I. und seine Folgen

Heinrichs I. Tod am 1. Dezember 1135 löste eine Thronfolgekrise aus, die das anglo-normannische Reich beinahe zerstörte. Heinrichs einziger legitimer Sohn, Wilhelm der Ætheling, war 1120 im Wrack des Weißen Schiffs ums Leben gekommen. Heinrich hatte den englischen Baronen 1126 und erneut 1131 Treueide auf seine Tochter, die Kaiserin Matilda, abringen können, doch diese Eide waren einer Frau geschworen worden, die die normannischen Herren als beinahe Fremde betrachteten. Als Stefan von Blois, der jüngere Bruder von Heinrichs erster Gemahlin, den Kanal überquerte und innerhalb von drei Wochen nach Heinrichs Tod den Thron beanspruchte, standen die Barone vor einer Wahl: ihren Eiden auf Matilda gehorchen oder einen bewährten militärischen Anführer akzeptieren, der das anglo-normannische Reich verteidigen würde.

Die Lesart des Historikers von dieser Krise ist unnachsichtig. Wie Kate Norgate darlegt, brachen die englischen Barone, die zweimal geschworen hatten, Matilda zu unterstützen, ihre Eide im nüchternen Licht von Heinrichs Tod. Stefans Krönung in Westminster am 22. Dezember 1135 war das Ergebnis eines allgemeinen Meineids. Die neunzehn Jahre Bürgerkrieg, die folgten, waren die Folge – nicht die Ursache – der Unzuverlässigkeit der Barone.

Stefan erwies sich als eine Katastrophe. Sein Charakter, der „alte Fluch seines Geschlechts“, war die für Blois typische Unbeständigkeit, verkleidet durch oberflächlichen Charme. Er gab Versprechen, die er nicht halten konnte, entfremdete die Kirche durch die Verhaftung von Bischöfen und verlor die Kontrolle über die Barone, die ihn zum König gemacht hatten. Bis 1138 errichteten rebellische Barone in ganz England unbefugt Burgen, und das Land zerfiel in ein Flickwerk privater Willkürherrschaften.

Die Kaiserin und der Earl

Matilda, Witwe Kaiser Heinrichs V., landete am 30. September 1139 mit 140 Rittern und ihrem Halbbruder Robert von Gloucester in Arundel. Stephen, der sie in Arundel belagerte, ließ sie nach Bristol weiterziehen, wo Robert den Westen hielt. Bis 1140 war das Land geteilt: Matilda kontrollierte die westlichen Grafschaften, Stephen hielt das Themsetal, London und Kent, und die Midlands waren ein umkämpftes Niemandsland.

Die Schlacht von Lincoln am 2. Februar 1141, ausgefochten am Sexagesima-Sonntag, markierte den Wendepunkt. Die Enterbten (die von Stephen enteigneten Barone) und die Truppen Roberts von Gloucester umstellten den König und nahmen ihn gefangen; er wurde nach Bristol gebracht und eingekerkert. Matilda wurde auf einem Hoftag in Winchester zur „Herrin von England und Normandie“ ausgerufen, und ihre Anhänger machten sich an die praktische Regierungsarbeit.

Innerhalb von vier Monaten war das Unternehmen gescheitert. Matildas hochmütige Behandlung der Londoner trieb diese in die Revolte, und ihre Beschlagnahmung von Kirchengut verprellte den Klerus. Heinrich von Winchester, der päpstliche Legat, wechselte auf Stephens Seite. Im November 1141 wurde Robert von Gloucester bei einem gescheiterten Versuch, Heinrich von Winchesters Burg Wolvesey zu entsetzen, gefangen genommen, und die beiden Gefangenen wurden ausgetauscht.

Der Krieg zog sich noch weitere zwölf Jahre hin, doch das eigentliche Ende kam mit dem Vertrag von Wallingford im November 1153. Der unerwartete Tod von Stephens Sohn Eustachius beseitigte das Hindernis für einen Kompromiss: Stephen würde sein Leben lang herrschen, doch seine Barone schwuren Heinrich FitzEmpress, Matildas Sohn, die Lehnstreue als seinem Erben. Stephen starb am 25. Oktober 1154, und die angevinische Thronfolge war gesichert.

V. Heinrich II. und das Angevinische Reich (1154–1189)

Der junge König und sein Erbe

Die Krönung Heinrichs II. in Westminster am 19. Dezember 1154 war, wie Kate Norgate betont, „ein epochemachendes Ereignis“ in der englischen Geschichte. Zum ersten Mal seit der Eroberung folgte ein König ohne Rivalen und mit der einmütigen Gunst aller Stände nach. Der junge König, noch keine zweiundzwanzig Jahre alt, erbte ein Reich in administrativem und moralischem Verfall. Das Pipe Roll von 1130 wies eine königliche Einnahme von ungefähr 18.000 Pfund auf; bis 1156 war sie auf ein Drittel dieser Summe gesunken.

Heinrichs persönlicher Charakter verband die raue Energie seines Großvaters mit der kühlen Berechnung seines Urgroßvaters Fulk Nerra. Er kleidete sich schlicht, aß sparsam, war unermüdlich in Geschäften und las unablässig, was ihn zum gelehrtesten gekrönten Haupt der Christenheit machte. Sein Temperament war „erschreckend“, doch sein Charme war echt. Der Hofhalt jedoch wurde in ständiger Bewegung geführt; sein unsteter Hof war eine Qual für seine Kanzleibeamten, die ihn mit „den höllischen Regionen“ verglichen.

Der Becket-Streit

Das prägende Ereignis der frühen Herrschaft Heinrichs war 1162 die Erhebung seines Kanzlers Thomas Becket zum Erzbischof von Canterbury. Die Überlegung des Königs war einfach: Mit seinem engsten Vertrauten als Primas konnte die Kirche der Krone untergeordnet werden. Das Ergebnis wurde zur Katastrophe. Becket wurde als Erzbischof zum Verteidiger kirchlicher Privilegien, und die beiden einstigen Vertrauten lagen binnen fünf Jahren im offenen Konflikt.

Der Streit erreichte seinen Höhepunkt auf dem Konzil von Clarendon im Januar 1164, wo Heinrich von den Bischöfen die Zustimmung zu den sogenannten „Konstitutionen von Clarendon“ erzwang, sechzehn Artikeln, die die königliche Gerichtsbarkeit in kirchlichen Angelegenheiten bekräftigten. Becket, von zwei Tempelrittern überredet, eine mündliche Unterwerfung werde den Streit beenden, gab nach – nur um zu entdecken, dass die „Gewohnheiten“ einen weitgehenden königlichen Anspruch auf Kontrolle der Kirche verbargen. Er zog sich entsetzt zurück und weigerte sich, die Konstitutionen zu besiegeln.

Das Konzil von Northampton im Oktober 1164 verwandelte den persönlichen Zwist in eine Verfassungskrise. Heinrichs Barone forderten, Becket müsse über alle Einkünfte Rechenschaft ablegen, die er als Kanzler empfangen hatte – eine unerschwingliche Summe, die ihn ruinieren sollte. Becket floh ins Exil und wandte sich an Rom. Der Papst, durch Kaiser Friedrich Barbarossa und den Gegenpapst Viktor IV. bedroht, konnte lediglich vermitteln. Sieben Jahre lang blieb Becket in Frankreich – eine Peinlichkeit für Heinrich und ein Dorn im Fleisch Ludwigs VII.

Die Einigung kam im Juli 1170 in Fréteval zustande, als die beiden Männer persönlich zusammentrafen. Heinrich, der erfuhr, dass Ludwig ein päpstliches Interdikt unterstützen wollte, willigte in eine vollständige Versöhnung ein. Becket kehrte im Dezember 1170 nach England zurück, exkommunizierte die Bischöfe, die auf Heinrichs Geheiß den jungen Prinzen Heinrich gekrönt hatten, und wurde am 29. Dezember 1170 in der Kathedrale von Canterbury von vier Rittern ermordet, die Heinrichs Klageworte in Bures als Freibrief für die Tat deuteten.

Der Mord zerstörte Heinrichs politische Stellung. Innerhalb weniger Monate musste er in Canterbury öffentliche Buße tun (Juli 1174), die Konstitutionen von Clarendon aufgeben, Kirchengut zurückerstatten und Alexander III. als Papst gegen seinen kaiserlichen Verbündeten anerkennen. Die Demütigung des Königs war vollständig. Das Urteil des Chronisten über den Mord, die Könige von England seien „Schlächter von Heiligen“ gewesen bis zu Heinrichs Reue, bringt die politische Wirklichkeit auf den Punkt: Die Becket-Affäre begrub jede Hoffnung, die Kirche durch königliche Amtsträger zu kontrollieren.

Die rechtliche Revolution

Während der Becket-Streit tobte, verfolgte Heinrich ein ehrgeiziges Programm administrativer Reformen. Die Assize of Clarendon (1166) führte die Verwendung vereidigter Präsentationsgeschworenen ein, um Straftäter vor Gericht zu bringen; die Assize of Northampton (1176) erweiterte das System. Umherreisende Richter, die der Curia Regis entstammten, wurden auf regelmäßige Rundreisen ausgesandt, um die Klagen der Krone zu verhandeln, und ersetzten so das ältere System, in dem die Sheriffs ungehemmte richterliche Gewalt in ihren Grafschaften ausübten.

Die Untersuchung der Sheriffs von 1170, durchgeführt von großen Kommissionen aus Klerikern und Laien, prüfte das Verhalten jedes Sheriffs im Reich und führte zu einer Säuberung: Von siebenundzwanzig Sheriffs behielten nur sieben ihre Ämter; die übrigen wurden durch Männer von niedrigerem Rang ersetzt, zumeist Exchequer-Beamte. Die Demesne-Inquisition desselben Jahres führte zur Rückgewinnung entfremdeter königlicher Ländereien im ganzen Land.

Das entstandene System wurde zum Vorbild des späteren englischen Staates. Die Exchequer, die zweimal jährlich um den schachbrettartigen Tisch tagte, wurde zur zentralen Finanzinstitution. Die Pipe Rolls, die ab 1156 jährlich zusammengestellt wurden, bewahrten eine Aufzeichnung jeder Transaktion. Die Curia Regis spaltete sich in spezialisierte Gerichte auf: das Court of King’s Bench für gewöhnliche Klagen, das Court of Common Pleas für zivilrechtliche Streitfälle. Das Amt des Coroners, 1194 geschaffen, und die vereidigte Geschworenenbank, die Grundlage des modernen Jury-Systems, waren beide Erzeugnisse von Heinrichs Reformen.

Das „demokratische“ Prinzip im Jury-System ist erwähnenswert. Bis 1194 verlangte die vereidigte Inquisition, dass vier von der Grafschaft gewählte Ritter zwei Männer aus jedem Hundred wählten, die wiederum zehn weitere bestimmten, um die rechtlichen Zwölf zu bilden. Dies war eine genuine Innovation in der repräsentativen Regierung, und Heinrichs Bekenntnis zu ihr markierte einen grundlegenden Bruch mit dem älteren normannischen System der baronischen Schiedsgerichtsbarkeit.

Das Kontinentale Reich

Heinrichs kontinentale Besitzungen waren die umfangreichsten, die je ein englischer König sein Eigen nannte. Von der schottischen Grenze bis zu den Pyrenäen, vom Ärmelkanal bis zu den Cevennen umspannte das angevinische Reich England, die Normandie, die Bretagne, Anjou, die Maine, die Touraine, das Poitou und die Aquitanien. Heinrich hielt fünf gesonderte Lehen von der französischen Krone, jedes mit unterschiedlichen Bedingungen, und seine 1152 geschlossene Ehe mit Eleonore von Aquitanien (aufgelöst von Ludwig VII. von Frankreich) hatte das gewaltige südliche Herzogtum zum angevinischen Erbe hinzugefügt.

Die Verwaltung dieses weitläufigen Herrschaftsgebiets wurde delegiert. Die Kaiserin Matilda, Heinrichs Mutter, lenkte von Rouen aus die Geschicke der Normandie. Der Seneschall von Anjou führte die Verwaltung des Grenzlandes. Das Herzogtum Aquitanien wurde 1172 an Heinrichs Sohn Richard übertragen, das Herzogtum Bretagne 1169 an Geoffrey. Heinrich selbst war unablässig unterwegs, hielt Hof in Alençon, Le Mans, Chinon, Poitiers und Bordeaux, verbrachte jedoch den größeren Teil eines jeden Jahres in seinen kontinentalen Territorien.

Die Struktur des Reiches war von Grund auf zerbrechlich. Die Angevin waren Fremdlinge für beinahe alle ihre Untertanen: Normannen im Anjou, Angeviner in der Normandie, Poiteviner in England. Die fiskalischen Anforderungen des neuen Staates, insbesondere das Große Schildgeld von 1159 (eine Ablösung der Kriegsdienstpflicht durch Geldzahlung, selbst auf kirchlichen Ländereien erhoben), riefen heftigen Widerstand hervor. Die ungefähr dreißig Jahre von Heinrichs tatsächlicher persönlicher Herrschaft, 1154 bis 1173, waren ein beharrliches Bemühen, diese Spannungen auszugleichen.

Die Rebellion von 1173

Die erste große Bewährungsprobe kam im Jahr 1173, als Heinrichs Söhne, ermutigt von Eleonore und Ludwig VII., einen kontinentalen Aufstand anzettelten. Der Abfall der Earls von Leicester und Chester, des Grafen von Flandern und des Königs von Schottland schien die gesamte angevinische Stellung zu bedrohen. Heinrichs Reaktion war methodisch: Im Sommer 1173 setzte er heimlich nach England über, um seine Anhänger zu sammeln, kehrte dann nach Frankreich zurück, um Dol zu nehmen und Rouen zu entsetzen.

Der Wendepunkt kam im Juli 1174, als Wilhelm der Löwe von Schottland bei Alnwick von einer kleinen englischen Streitmacht gefangen genommen wurde. Auf den schottischen Zusammenbruch folgte die Kapitulation der rebellischen Earls, der Fall des flandrischen Bündnisses und Heinrichs Pilgerfahrt nach Canterbury, um am Grab Beckets Buße zu tun. Die Einigung, verkörpert im Vertrag von Falaise (Oktober 1174) und das anschließende Abkommen mit Wilhelm dem Löwen, verwandelte die Beziehung zwischen den beiden Königreichen: Der König der Schotten wurde zum Lehnsmann des Königs von England, und die Festungen Edinburgh, Stirling, Roxburgh, Jedburgh und Berwick wurden in englische Hände gelegt.

Der Junge König und die aquitanische Katastrophe

Heinrichs Versuch, für seine Söhne zu sorgen, ohne das Reich zu zergliedern, brachte eine strukturelle Krise hervor. Die Krönung des Jungen Heinrich im Jahr 1170 gab dem ältesten Sohn eine „königliche Würde“ ohne königliche Macht. Die Übertragung Aquitaniens an Richard im Jahr 1172 platzierte die unruhigste Provinz des Reiches in die Hände eines Heranwachsenden. Das Ergebnis waren zwei Jahrzehnte familiärer Kriege.

Der Konflikt erreichte 1182–1183 seinen Höhepunkt, als der Junge Heinrich, angestachelt vom Troubadour Bertran de Born, die Substanz der königlichen Macht forderte. Er floh an den französischen Hof, wurde versöhnt und starb am 11. Juni 1183 in Martel als gebrochener Mann. Sein Tod eröffnete eine neue Krise: Richard beanspruchte seine kontinentalen Gebiete, Geoffrey beanspruchte die Bretagne und Anjou, Johann blieb ohne Erbe.

Der letzte Krieg

Die letzten Jahre von Heinrichs Herrschaft wurden von dem Krieg mit Philipp August von Frankreich überschattet, der 1180 auf Ludwig VII. gefolgt war. Philipps Strategie bestand darin, die angevinischen Besitzungen einzeln abzutrennen. 1186 zwang er Heinrich, für sämtliche seiner französischen Lehen den Lehenseid zu leisten. 1188 erhob sich die gesamte angevinische Familie gegen den alten König: Richard und Johann leisteten beide Philipp den Huldigungseid, und die mächtige Koalition aus Flandern, der Champagne und der Bretagne zwang Heinrich auf das offene Schlachtfeld.

Der Zusammenbruch kam im Jahr 1189. In der Schlacht von Fréteval (Juli 1189) wurde Philipps Tross erbeutet und seine Kanzleirollen fielen in Heinrichs Hände, doch dessen Versäumnis, den errungenen Vorteil zu verfolgen, verbunden mit dem Abfall seiner Söldner, ließ ihn hilflos zurück. Der Vertrag von Colombières (4. Juli 1189) verlangte von Heinrich eine demütigende Buße vor Philipp, die Übergabe der Festungen Tours und Le Mans sowie die Anerkennung Richards als seinen Erben.

Heinrich erreichte Chinon in der Nacht des 4. Juli 1189, krank und besiegt. Als ihm die Liste der Verräter vorgelesen wurde, stand an erster Stelle der Name seines jüngsten Sohnes Johann. Er wandte sein Gesicht der Wand zu und verweigerte die Nahrung. Er starb am 6. Juli 1189, während das gewaltige Reich, das er errichtet hatte, um seine Kinder herum in Trümmer fiel. Zur Bestattung wurde er nach Fontevraud überführt, in den Gewändern seiner letzten englischen Krönung – womit sich eine lang gehegte Prophezeiung erfüllte, dass „er einst gehüllt werde unter den gehüllten Frauen“.

VI. Richard I. und der Kreuzzug (1189–1199)

Die Thronfolge

Richards Thronbesteigung wurde nicht angefochten. Der einzige Rival war Johann, dessen kurze Annäherung an Philipp mit der Demütigung des Vertrags von Messina (März 1191) endete. Richard wurde am 3. September 1189 in Westminster gekrönt und begann unverzüglich mit den Vorbereitungen für den Dritten Kreuzzug. Er verkaufte Ämter, erhob Schildgelder, den Saladinzehnt (ein Zehntel aller beweglichen Güter), und ernannte Wilhelm Longchamp, Bischof von Ely, zum Regenten in England.

Der Kreuzzug selbst, obwohl persönlich glorreich, war eine politische Katastrophe. Richard geriet bereits zum Zeitpunkt des Aufbruchs mit Philipp August in Streit, verbündete sich mit dem deutschen Kaiser Heinrich VI. und eroberte Zypern in einer kleinen Eroberung nach Wikingerart. Er stritt mit Herzog Leopold von Österreich wegen der Bannerfrage bei Akkon, verweigerte die Zusammenarbeit mit den anderen Kreuzfahrerfürsten hinsichtlich der Nachfolge im Königreich Jerusalem und schloss im September 1192 einen Frieden mit Saladin, ohne Jerusalem zurückerobert zu haben.

Auf der Heimreise wurde Richard von Leopold von Österreich gefangen genommen und an Kaiser Heinrich VI. ausgeliefert. Sein Lösegeld – 150.000 Mark – war die höchste Summe, die je im mittelalterlichen Europa gefordert worden war. England wurde ausgepresst, um sie aufzubringen: Der Saladinzehnt wurde durch ein Viertel aller Einnahmen ergänzt, die Zisterzienser gaben ihre gesamte Wollernte ab, und goldene wie silberne Kirchengeräte wurden eingezogen. Hubert Walter, der Richard als Unterhändler gedient hatte, wurde zum de facto Herrscher Englands und erwies sich als einer der fähigsten Justitiare der englischen Geschichte.

Die Regierung Englands

Hubert Walters Verwaltung, 1193–1198, gab das Muster für die spätere englische Regierung vor. Er vereinte eine Fülle von Ämtern in seiner Hand – Erzbischof von Canterbury, päpstlicher Legat und oberster Justiciar –, eine beispiellose Machtkonzentration, die mit derjenigen Thomas Beckets als Kanzler verglichen worden ist. Seine Reform des Gerichtswesens, die „Form of proceeding in the pleas of the Crown“ von 1194, erweiterte die Zuständigkeit der reisenden Richter (itinerant justices) auf ein weites Spektrum von Angelegenheiten, von Kirchengut bis zu Heimfällen, und begründete das Vier-Ritter-Wahlsystem, das zur Grundlage der Grand Jury wurde.

Seine Stellung wurde von Geoffrey Fitz-Peter herausgefordert, einem ehemaligen Sheriff und Mitglied der Curia Regis, der 1198 Justiciar wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Hubert bereits zum Rücktritt gezwungen worden – auf Betreiben Papst Innozenz’ III., der darauf bestand, dass kein Geistlicher ein weltliches Amt bekleiden dürfe. Dieser Grundsatz war von fundamentaler Bedeutung: Er sollte die englische Verfassung für Jahrhunderte prägen, dass nämlich der Erzbischof von Canterbury nicht gleichzeitig das Reich regieren dürfe.

VII. König Johann und der Verlust der Normandie (1199–1206)

Die verheerende Herrschaft

Johanns Thronbesteigung im Jahr 1199 war umstritten. Die Bretonen und Angevin unterstützten Arthur von der Bretagne, den Enkel Matildas, und Philipp August von Frankreich stand ihm bei. Die Übereinkunft von 1200, verkörpert im Vertrag von Le Goulet, ließ Johann als Herrn der kontinentalen Besitztümer seines Vaters zurück, belastete ihn jedoch mit schweren Verpflichtungen gegenüber Philipp.

Johanns Charakter wurde zum Verhängnis seines Erbes. Der Chronist der Gesta Henrici und sein späterer Biograph beschreiben einen Mann von ungewöhnlicher List, fähig zu großen Anstrengungen, aber im Grunde treulos, habgierig und grausam. Seine Behandlung seines Neffen Arthur, der bei der Belagerung von Mirebeau im Jahr 1202 gefangen genommen und in Rouen eingekerkert wurde, ist das zentrale Beispiel. Ob Johann Arthur selbst tötete oder seinen Mord anordnete, ist ungewiss, doch das Verschwinden des jungen Herzogs, möglicherweise in die Seine geworfen, kostete Johann die Unterstützung des bretonischen und angevinischen Adels.

Der Zusammenbruch kam 1203–1204. Philipp August nutzte Johanns Untätigkeit, eroberte die normannischen Grenzfestungen, belagerte Château-Gaillard (die gewaltige Festung, die Richard an der Seine errichtet hatte) und nahm nach einem brutalen Sturmangriff die Burg im März 1204 ein. Innerhalb weniger Wochen unterwarf sich die gesamte Normandie. Bis Ende 1205 waren Anjou, Touraine und der größte Teil des Poitou gefolgt. Das Angevinische Reich, das größte, das je ein englischer König geschaffen hatte, war in weniger als zwei Jahren verloren.

Johann kehrte als gebrochener Mann nach England zurück. Sein einziger verbliebener bedeutender Minister, Hubert Walter, starb 1205. Seine Herrschaft sollte noch elf weitere Jahre dauern, doch die politische Grundlage des Hauses Anjou war zerstört. Die Bühne war bereitet für die Verfassungskrise der Magna Carta und die französische Invasion während der Minderjährigkeit Heinrichs III.

VIII. Kulturelle und religiöse Leistungen

Die Zeit der Herrschaft der Angevinen von 1154 bis 1216 war nicht nur eine Epoche politischen und militärischen Umbruchs, sondern auch eine von bemerkenswerter kultureller Lebendigkeit. Der Hof Heinrichs II. war, trotz der Vorliebe des Königs für Jagd und Politik gegenüber der Literatur, ein Zentrum des geistigen Lebens. Johannes von Salisbury, der Freund Beckets und des Thomas, verfasste in Canterbury in den 1150er Jahren den Polycraticus, ein umfangreiches Traktat über die Pflichten der Fürsten. Der Zisterzienserorden, geführt von Bernhard von Clairvaux, beherrschte das geistliche Leben Westeuropas und schenkte England seine größten Klöster. Gerald von Wales, der walisische Archidiakon, der danach strebte, Bischof von St. Davids zu werden, schuf die erste moderne Prosa in englischer Sprache, journalistisch in ihrer Detailgenauigkeit und beißend in ihrer Satire.

Die auffälligste kulturelle Entwicklung war der Aufstieg der englischen Sprache selbst. Zur Zeit Johanns hatte das Normannische begonnen, mit dem Englischen zu verschmelzen, und erzeugte jene hybride Sprache, die zum Mittelenglischen werden sollte. Layamons Brut, verfasst im frühen 13. Jahrhundert in einem Dialekt aus Worcestershire, war ein bewusster Versuch, Waces normannisch-französisches Gedicht in die Landessprache zu übersetzen – ein Unternehmen, das innerhalb eines Jahrhunderts in Chaucer gipfeln sollte. Das „stille Wachstum und die Erhebung des englischen Volkes“ war, wie J. R. Green argumentierte, die eigentliche Leistung der angevinischen Herrschaft.

Der Mord an Thomas Becket im Jahr 1170 markiert die geistliche Wende der Epoche. Innerhalb von fünfzehn Jahren war der Schrein des Heiligen in Canterbury der meistbesuchte Pilgerort Englands, und sein Kult war, wie Norgate anmerkt, „ein fortwährender Protest gegen das Übel der Zeit“. Doch bis 1206 waren die Zisterzienser, einst der strengste und idealistischste aller Mönchsorden, durch den Wollhandel so reich geworden, dass sie von ihren Kritikern als „der abscheuliche Orden“ bezeichnet wurden. Die geistliche Energie, die die Renaissance des zwölften Jahrhunderts hervorgebracht hatte, war weitgehend erschöpft und bereitete so den Boden für die Bettelorden des nächsten Jahrhunderts.

Die Geschichte Englands unter den angevinischen Königen ist also die Geschichte eines großen politischen Experiments: der Versuch, ein kontinentales Reich und ein Inselkönigreich unter einem einzigen Herrscher zusammenzuschmieden. Das Experiment scheiterte auf spektakuläre Weise in Johanns Regierungszeit. Aber sein kulturelles und institutionelles Erbe – das Common Law, das Geschworenensystem, die Universitäten, die englische Sprache – sollte die Dynastie überdauern, die es zu bewahren versagt hatte.