Middlemarch cover
Britische Literatur

Middlemarch

Middlemarch ist George Eliots weit angelegter viktorianischer Roman aus den Jahren 1871–1872, der in der fiktiven ländlichen Kleinstadt Middlemarch in den Midlands zwischen 1829 und 1832 spielt und die verflochtenen persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben der unterschiedlichen Bewohner der Stadt verwebt, angeführt von der idealistischen jungen Dorothea Brooke, um die Zwänge von Geschlecht und Klasse, die Spannung zwischen individuellem Ehrgeiz und gesellschaftlicher Konvention sowie das langsame, ungleichmäßige Tempo des moralischen und politischen Fortschritts im vorviktorianischen England zu erkunden.

Eliot, George · 1994 · 27 min

BUCH IV.

DREI LIEBESPROBLEME.

KAPITEL XXXIV.

An einem Morgen im Mai wurde Peter Featherstone begraben. In der prosaischen Nachbarschaft von Middlemarch war der Mai nicht immer warm und sonnig, und ein kühler Wind wehte die Blüten aus den umliegenden Gärten auf die grünen Hügel des Lowick-Friedhofs. Die Nachricht hatte sich verbreitet, dass es ein „großes Begräbnis“ werden würde; der alte Herr hatte schriftliche Anweisungen für alles hinterlassen und wünschte sich ein Leichenbegängnis „über seine Besseren hinaus“. Drei Trauerwagen waren gemäß den schriftlichen Anordnungen des Verstorbenen gefüllt. Es gab Sargträger zu Pferde, mit den prächtigsten Schärpen und Hutbändern. Mr. Cadwallader empfing den Zug, ebenfalls gemäß Peter Featherstones Wunsch, der eine Verachtung für Hilfspriester hegte und dagegen Einwände hatte, dass ein Pfaffe über seinem Kopf thronend zu ihm predigte.

Diese Auszeichnung, die dem Rektor von Tipton und Freshitt zuteilwurde, war der Grund, warum Mrs. Cadwallader zu der Gruppe gehörte, die von einem oberen Fenster des Herrenhauses zusah. Sie besuchte jenes Haus nicht gern, aber sie mochte es, wie sie sagte, Ansammlungen seltsamer Tiere zu sehen, wie es bei diesem Begräbnis der Fall sein würde.

„Ganz recht, dass du dich mir gegenüber verpflichtet fühlst“, sagte Mrs. Cadwallader zu Dorothea. „Deine reichen Lowicker Bauern sind genauso kurios wie Büffel oder Bisons.“

„Wie erbärmlich!“, sagte Dorothea, die den Zug beobachtete. „Dieses Begräbnis kommt mir wie das trostloseste vor, das ich je gesehen habe. Es ist ein Schandfleck an diesem Morgen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass jemand sterben und keine Liebe hinterlassen sollte.”

Da trat ihr Mann ein und setzte sich ein wenig im Hintergrund nieder. Sie sah, wie Mr. Brooke ankam und seine eigene Neuigkeit verkündete: Will Ladislaw sei gekommen und sei sein Gast auf der Grange. Dorothea durchfuhr ein Schreck: Alle bemerkten ihre plötzliche Blässe, als sie sogleich zu ihrem Onkel aufblickte, während Mr. Casaubon sie ansah.

„Er ist mit mir gekommen, weißt du; er ist mein Gast – wohnt bei mir auf der Grange“, sagte Mr. Brooke in seinem ungezwungensten Ton. „Und wir haben das Bild oben auf der Kutsche mitgebracht. Ich wusste, dass du dich über die Überraschung freuen würdest, Casaubon. Da bist du, leibhaftig – als Thomas von Aquin, weißt du.“

Mr. Casaubon verbeugte sich mit kühler Höflichkeit und bezwang seinen Verdruss. Dorothea spürte, dass jedes Wort ihres Onkels für Mr. Casaubon etwa so angenehm war wie ein Sandkorn im Auge. Es wäre jetzt ganz und gar unangebracht zu erklären, dass sie nicht gewollt hatte, dass ihr Onkel Will Ladislaw einlud.

„Ein hübsches Reislein“, sagte Mrs. Cadwallader trocken, nachdem Celia auf Will hingewiesen hatte. „Was soll Ihr Neffe denn einmal sein, Mr. Casaubon?“

„Verzeihung, er ist nicht mein Neffe. Er ist mein Vetter.“

KAPITEL XXXV.

Die gleiche Art von Versuchung ereilte die christlichen Carnivora, die Peter Featherstones Trauerzug bildeten; die meisten von ihnen hatten ihre Gedanken auf einen beschränkten Vorrat gerichtet, von dem jeder gern das meiste gehabt hätte. Salomon fand Zeit zu erwägen, dass Jona es nicht verdiente, und Jona schimpfte Salomon als habgierig; Jane war der Meinung, dass Marthas Kinder nicht so viel erwarten dürften wie die jungen Waules; und Martha bedauerte, dass Jane so „besitzergreifend“ sei.

Doch am Morgen wurden all die gewöhnlichen Strömungen der Mutmaßung durch die Anwesenheit eines seltsamen Trauernden gestört, der unter sie geplatscht war, als käme er vom Mond. Dies war der Fremde, den Mrs. Cadwallader als froschgesichtig beschrieben hatte: ein Mann von vielleicht zwei- oder dreiunddreißig Jahren, dessen hervortretende Augen, der dünnlippige, nach unten gewölbte Mund und das glatt von einer Stirn gestrichene Haar, die plötzlich über dem Brauenbogen abfiel, seinem Gesicht unleugbar eine batrachische Unveränderlichkeit des Ausdrucks verliehen. Dies war Mr. Rigg.

Der Anwalt, Mr. Standish, war nach Stone Court gekommen in dem Glauben, genau zu wissen, wer zufrieden und wer enttäuscht sein würde, bevor der Tag vorüber war. Das Testament, das er zu verlesen erwartete, war das letzte von dreien, die er für Mr. Featherstone aufgesetzt hatte. Doch er fand ein späteres Dokument vor und einen Kodizill dazu.

Die kleinen Vermächtnisse kamen zuerst, und selbst die Erinnerung, dass es ein weiteres Testament gab, konnte den aufsteigenden Ekel und die Empörung nicht beschwichtigen. Man lässt sich gern in jeder Zeitform – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – gut bedenken. Hier war Peter imstande, seinen eigenen Brüdern und Schwestern nur je zweihundert Pfund zu hinterlassen, und seinen eigenen Neffen und Nichten nur je hundert: die Garths wurden nicht erwähnt, aber Mrs. Vincy und Rosamond sollten je hundert bekommen. Mr. Trumbull sollte den goldknöpfigen Spazierstock und fünfzig Pfund erhalten.

Dann kam der Restbestand. Zehntausend Pfund in bestimmten Anlagen wurden Fred Vincy vermacht erklärt. Es gab noch einen Restbestand an persönlichem Eigentum sowie das Land, doch das Ganze wurde einer einzigen Person hinterlassen, und diese Person war – Joshua Rigg, der zugleich alleiniger Testamentsvollstrecker war und von da an den Namen Featherstone annehmen sollte.

Es ging ein Rascheln durch den Raum, das wie ein Schauder klang. Alle starrten erneut Mr. Rigg an, der offensichtlich nicht überrascht war. Aber es gab ein zweites Testament. Das zweite Testament widerrief alles außer den bereits erwähnten Vermächtnissen an die geringen Personen sowie der Hinterlassenschaft des gesamten Landes in der Gemeinde Lowick mit allem Vieh und Hausrat an Joshua Rigg. Der verbleibende Rest des Vermögens sollte zum Bau und zur Stiftung von Armenhäusern für alte Männer verwendet werden, die Featherstone’s Alms-Houses heißen sollten, da er – so erklärte es das Dokument – Gott dem Allmächtigen gefallen wolle. Niemand Anwesender besaß einen Heller; aber Mr. Trumbull hatte den goldgeknöpften Spazierstock.

Mr. Vincy ergriff als Erster das Wort, mit lauter Empörung. „Das unerklärlichste Testament, das ich je gehört habe! Ich würde sagen, dieses letzte Testament ist nichtig.“ Doch Mr. Standish erwiderte, dass alles völlig in Ordnung sei. „Jeder hätte mehr Grund gehabt, sich zu wundern, wenn das Testament so ausgefallen wäre, wie man es von einem aufrichtigen, offenen Mann hätte erwarten können. Ich für meinen Teil wünschte, es gäbe so etwas wie ein Testament gar nicht,“ sagte Caleb Garth. Fred, den er nicht mehr zum Lachen bringen konnte, hielt ihn für das niedrigste Ungeheuer, das er je gesehen hatte. Aber Fred war eher übel.

In der Halle traf Mary Fred. Er hatte diese welke Blässe, die manchmal über junge Gesichter kommt, und seine Hand war sehr kalt, als sie sie schüttelte. „Leb wohl,“ sagte sie mit liebevoller Traurigkeit. „Sei tapfer, Fred. Ich glaube wirklich, du bist besser dran ohne das Geld. Was hat es Mr. Featherstone genützt?“ „Was soll ein Mensch auch machen? Ich muss jetzt in die Kirche gehen,“ sagte Fred, gereizt. „Was wirst du jetzt tun, Mary?“ „Eine andere Stelle annehmen, natürlich, sobald ich eine bekommen kann. Leb wohl.“

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