KAPITEL X.
„Er hätte sich eine schlimme Erkältung geholt, wenn er keine anderen Kleider zu tragen gehabt hätte als das Fell eines noch nicht erlegten Bären“, lautet das Fuller-Epigramm. Der junge Ladislaw stattete jenen Besuch nicht ab, zu dem Mr. Brooke ihn eingeladen hatte, und erst sechs Tage später erwähnte Mr. Casaubon, sein junger Verwandter habe sich auf den Kontinent begeben, wobei er durch diese kühle Unbestimmtheit jede Nachfrage zu umgehen schien. Will hatte es abgelehnt, ein genaueres Reiseziel zu bestimmen als das gesamte Gebiet Europas. Genie, so meinte er, ist notwendigerweise intolerant gegenüber Fesseln. Er hatte verschiedene Haltungen der Empfänglichkeit erprobt: zu viel Wein, Fasten, Opium. Nichts wirklich Originelles war dabei herausgekommen.
Doch gegenwärtig interessiert mich diese Warnung vor einem allzu schnellen Urteil mehr in Bezug auf Mr. Casaubon als auf seinen jungen Vetter. Ich verwahre mich gegen jede absolute Schlussfolgerung, jedes Vorurteil, das aus Mrs. Cadwalladers Verachtung oder Sir James Chettams schlechter Meinung von den Beinen seines Rivalen herrührt. Auch Mr. Casaubon war der Mittelpunkt seiner eigenen Welt. Gewiss berührte ihn diese Angelegenheit seiner Heirat mit Miss Brooke näher als irgendjemanden von denjenigen, die bisher ihr Missfallen darüber gezeigt hatten. Als der für seine Hochzeit festgesetzte Tag näher rückte, merkte Mr. Casaubon, dass seine Stimmung nicht stieg; auch erwies sich die Betrachtung jener ehelichen Gartenszene nicht durchgehend bezaubernder für ihn als die gewohnten Gewölbe, durch die er mit der Fackel in der Hand wandelte. Der arme Mr. Casaubon hatte sich vorgestellt, sein langes gelehrtes Junggesellendasein habe für ihn einen Zinseszins an Genuss angehäuft. Und nun lief er Gefahr, gerade durch die Überzeugung betrübt zu werden, dass seine Umstände ungewöhnlich glücklich waren.
Denn für Dorothea war nach jener Spielzeugkistengeschichte der Welt, zugeschnitten auf junge Damen, die den Hauptteil ihrer Erziehung ausgemacht hatte, Mr. Casaubons Rede über sein großes Buch voller neuer Ausblicke; und dieses Gefühl der Offenbarung hielt fürs Erste ihre übliche Begierde nach einer bindenden Theorie in Schach. Sie sah einer höheren Einweihung in die Ideen entgegen, wie sie der Ehe entgegensah, und verschmolz ihre dunklen Vorstellungen von beidem.
Die Jahreszeit war mild genug, um den Plan zu begünstigen, die Hochzeitsreise bis nach Rom auszudehnen, und Mr. Casaubon war begierig darauf, weil er einige Handschriften im Vatikan einsehen wollte. »Ich bedaure es noch immer, dass Ihre Schwester uns nicht begleiten wird«, sagte er an einem Morgen. »Sie werden viele einsame Stunden haben, Dorothea.« Die Worte »Ich würde mich freier fühlen« zerrten an Dorothea. Zum ersten Mal errötete sie vor Verdruss, wenn sie mit Mr. Casaubon sprach. »Sie müssen mich sehr missverstanden haben, wenn Sie glauben, dass ich den Wert Ihrer Zeit nicht zu schätzen wüsste.« Sie gewann ihr Gleichgewicht wieder und bot einen angenehmen Anblick stiller Würde, als sie an jenem Abend in den Salon kam, um an dem Abendessen teilzunehmen, dem letzten, das auf der Grange als gebührende Einleitung zur Hochzeit abgehalten wurde.
Im Speisesaal waren der neugewählte Bürgermeister von Middlemarch, der philanthropisch gesinnte Bankier Mr. Bulstrode und verschiedene Berufsangehörige anwesend. Mr. Standish, der alte Rechtsanwalt, erklärte Miss Brooke für »eine ungewöhnlich vortreffliche Frau, bei Gott!« Mr. Chichely, ein Junggeselle mittleren Alters, sagte, sie sei nicht die Art Frau, die er bevorzuge; er möge eine Frau, die sich etwas mehr bemühe, ihnen zu gefallen. Mr. Lydgate, der neue Arzt, der in Paris studiert und Broussais gekannt hatte, wurde Lady Chettam vorgestellt. Sie prüfte ihn hinsichtlich seiner konstitutionellen Ansichten und gewann die wärmste Überzeugung von seinen Talenten. Dorothea selbst sprach mit ihm über Cottages und Hospitäler; ihre jugendliche Frische und ihr Interesse an gesellschaftlich nützlichen Dingen verliehen ihr die pikante Wirkung einer ungewöhnlichen Verbindung. Mr. Lydgate hielt sie für ein gutes Geschöpf, aber ein wenig zu ernsthaft – es sei ermüdend, mit solchen Frauen zu reden, die immer nach Gründen verlangten. Nicht lange nach jenem Abendessen war sie Mrs. Casaubon geworden und auf dem Weg nach Rom.
KAPITEL XI.
Das Kapitel beginnt nicht mit Dorothea Brooke, sondern mit Lydgate, der bereits beginnt, dem Bann von Rosamond Vincy zu verfallen. Er nennt sie „die Anmut in Person“ und vergleicht sie mit vollkommener Musik, während er schlichte Frauen so behandelt wie andere ernste Tatsachen des Lebens, denen man mit philosophischer Gelassenheit begegnen muss. Obwohl Lydgate glaubt, dass er noch jahrelang nicht heiraten wird – nicht eher, bis er einen klaren eigenen Weg beschritten hat –, kann er nicht umhin zu bemerken, dass, wenn ein Mann einmal die Frau gesehen hat, die er erwählt hätte, sein Dasein als Junggeselle für gewöhnlich eher von ihrer Entschlossenheit abhängt als von seiner. Er ist jung, arm und ehrgeizig, mit einem halben Jahrhundert eher vor sich als hinter sich, und seine halb ausgebildete Überzeugung ist, dass Miss Brooke bei all ihrer Schönheit nicht die richtige Ehefrau wäre: Sie betrachtet die Dinge nicht aus dem richtigen weiblichen Blickwinkel, und ihre Gesellschaft wäre so entspannend wie der Unterricht in der Unterstufe, anstatt im Paradies zu ruhen, mit süßem Lachen anstelle von Vogelgezwitscher.
Der Erzähler macht eine Pause und weitet dann die Linse, um das alte Provinznest Middlemarch zu überblicken, mit seinen auf- und absteigenden Familien, seinen neu fallengelassenen oder hartnäckig bewahrten „h“-Lauten, seinen städtischen Honoratioren und seinen Zugezogenen aus fernen Grafschaften, die alarmierende neuartige Fähigkeiten oder anstößige Vorteile an Gewitztheit mitbringen. Dort herrscht ein ganz ähnliches Gemenge wie bei Herodot, der ebenfalls das Schicksal einer Frau zu seinem Ausgangspunkt nahm. Rosamond Vincy wird mit ihrer nymphenhaften Figur, ihrer reinen Blondheit und ihrem exzellenten Geschmack in Sachen Garderobe als die Zierde der Schule von Mrs. Lemon vorgestellt, der wichtigsten Schule der Grafschaft, in der den Schülerinnen sogar das Ein- und Aussteigen aus einer Kutsche beigebracht wird. Mrs. Lemon hat sie stets als Beispiel für geistige Bildung und gepflegte Ausdrucksweise präsentiert, obwohl der Erzähler ironisch anmerkt, dass, wenn Mrs. Lemon sich daran gemacht hätte, Julia oder Imogen zu beschreiben, diese Heldinnen nicht sehr poetisch gewirkt hätten.
Lydgate kann nicht lange in Middlemarch bleiben, ohne in den Einflussbereich der Vincys zu geraten, denn die Vincys sind mit fast jeder bedeutenden Person verbunden. Mr. Vincys Schwester hat eine wohlhabende Partie gemacht, als sie Mr. Bulstrode heiratete; Mrs. Vincys Schwester war die zweite Frau des reichen alten Mr. Featherstone, der vor Jahren kinderlos starb, sodass man annehmen darf, die Vincys berührten die Zuneigung des Witwers. Dr. Wrench, der behandelnde Arzt der Vincys, blickt bereits auf Lydgates Taktgefühl herab, und Berichte gelangen an die Familie zurück. Rosamond wünscht sich im Stillen, ihr Vater möchte den neuen Arzt einladen. Sie ist die unregelmäßigen Gesichtsprofile und Gangarten der jungen Männer von Middlemarch leid, der unvermeidlichen Gefährten, die sie seit ihrer Kindheit kennt. Ihr Vater, ein Stadtrat, der bald Bürgermeister werden soll, hat es keine besondere Eile, denn an seinem reich gedeckten Tisch gibt es zahlreiche Gäste.
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