Barnardine zögert erneut, dann sagt er, er könne es ihr sagen, wisse aber nicht wie, da er wisse, dass sie bereits genug gelitten habe. Emily besteht darauf, dass sie auf das Schlimmste vorbereitet sei, was immer es auch sei. Er beginnt zu sprechen und sagt, er habe weit mehr gesehen und gehört, als die Menschen über die Streitereien zwischen Montoni und seiner Frau glauben. Vor ein paar Tagen habe Montoni nach ihm schicken lassen und gesagt, er halte ihn für einen ehrlichen Mann, dem er vertrauen könne. Emily ruft aus und fragt, was ihm befohlen worden sei, aber Barnardine wird still. Emily verliert die Geduld, sagt, wenn er unschuldig sei, solle er es ihr jetzt sagen, sie habe nicht die Kraft, noch länger zu warten. Er sagt, er werde kein weiteres Wort sagen, und dreht sich um zu gehen. Emily, zu verängstigt davor, was sie erfahren könnte, um ihn gehen zu lassen, ruft ihn zurück, sagt, Annette könne bleiben, er müsse sie nicht wegschicken. Er spottet, sagt, wenn das der Fall sei, werde sie nichts weiter hören, und geht weiter. Emilys Angst um ihre Tante besiegt ihren Stolz, sie ruft Annette zurück, sagt ihr, sie solle bleiben, und fleht Barnardine an zu sprechen.
Er hält inne, dreht sich um und sagt, die Signora lebe, vorerst. Montoni hat sie in der Kammer über dem Haupttor des Schlosses eingesperrt, und er, Barnardine, ist derjenige, der mit ihrer Bewachung betraut wurde. Er sagt, er habe Emily sagen wollen, dass sie ihre Tante besuchen kommen könne, aber nun sei er sich nicht mehr so sicher. Emily ist derart von Erleichterung überwältigt, dass sie kaum sprechen kann; sie dankt ihm überschwänglich, bittet ihn, Madame Montoni besuchen zu dürfen, verspricht ihm, ihn gut zu belohnen, befiehlt ihre Tante seiner Gnade an und sagt, sie werde in der nächsten Nacht, wenn Montoni schläft, am Seitentor stehen, wie er es verlangt habe. Als er nickt und sich umdreht, um zu gehen, hat Emily plötzlich einen kalten Zweifel: Sie erinnert sich an den bösartigen, triumphierenden Blick in seinen Augen, als er sagte, er würde sie ihre Tante sehen lassen, betrachtet sein raues, grausames Gesicht und fragt sich, ob er lügt, ob dies ein Trick ist, um sie an einen abgelegenen Ort zu locken, um auch sie zu töten, damit Montoni die umstrittenen Ländereien ohne jeden Widerstand in Besitz nehmen kann. Für einen schrecklichen Moment glaubt sie es, doch dann schiebt sie den Gedanken beiseite – ein derart gigantisches, unprovoziertes Verbrechen erscheint ihr zu unwahrscheinlich, und sie schilt sich selbst wegen ihrer schwachen, grundlosen Ängste. Dennoch kann sie die Unruhe nicht ganz abschütteln, als sie in ihre Gemächer zurückkehrt.
In dieser Nacht bleibt sie auf, um zu sehen, ob die mysteriöse Musik zurückkehrt, und lauscht den fernen Geräuschen von Montoni und seinen Gästen beim Festmahl – ihr lautes Rufen, ihr derbes Gelächter und ihr falscher Gesang hallen durch die Gänge –, bis die schweren Schlosstore für die Nacht zufallen und die einzigen verbleibenden Geräusche die leisen Schritte der Bediensteten sind, die sich in ihre entlegenen Zimmer begeben, sowie das ferne Rauschen des Nachtwindes. Sie sitzt an ihrem Fenster, beobachtet den Himmel und wartet darauf, dass derselbe hell leuchtende Planet, den sie in der Nacht vor dem Erklingen der Musik gesehen hatte, über den östlichen Türmen aufgeht. Als er endlich erscheint, klar und hell, hält sie die Luft an und lauscht, doch die Nacht bleibt still, abgesehen von den langsamen Schritten des Wächters auf den Zinnen und dem leisen Rascheln der Wälder. Nach stundenlangem Warten, als das erste graue Licht der Morgendämmerung beginnt, die Berggipfel zu färben, gibt sie auf und geht widerwillig zu Bett, ihr Kopf voller Fragen nach der Musik, dem Schicksal ihrer Tante und der seltsamen, bedrohlichen Welt von Udolpho, die sie umgibt. Sie liegt noch lange nach der Morgendämmerung wach, ihr Herz schwer von der zerbrechlichen Hoffnung und der nagenden Angst zugleich über das, was die Zukunft bringen wird.
(Wortanzahl: 2243)
KAPITEL I
Das Kapitel beginnt mit einem düsteren Epigraphen aus Macbeth, der eine in der Dunkelheit der Nacht geschmiedete Intrige verheißt, und knüpft bei Emily D’Urberville an, die noch immer von dem Schrecken des Vortages erschüttert ist, als Annette enthüllt, dass der Schlossdiener Barnardine ein Mitternachtstreffen mit ihr auf der Terrasse vereinbart hat, um sie in das Gemach zu führen, in dem ihre Tante, Madame Montoni, gefangen gehalten wird. Emilys Gedanken rasen vor Angst. Sie kann den Verdacht nicht abschütteln, dass Barnardine lügt, dass Madame Montoni bereits tot ist und dass der Diener auf Montonis Befehl handelt, um Emily in ihren eigenen Tod zu locken, damit Montoni die französischen Güter beanspruchen kann, die an Emily fallen würden, falls ihre Tante stirbt, ohne sie an ihn zu überschreiben. Sie erinnert sich an Barnardines seltsamen, triumphierenden Blick in der Nacht zuvor und ist davon überzeugt, dass Montoni fähig ist, seine Frau und seine Nichte aus Profitgier zu töten.
Sie quält sich den ganzen Tag, hin- und hergerissen zwischen Mitleid für ihre Tante und Entsetzen um sich selbst. Als die Schlossuhr zwölf schlägt, siegt ihre Liebe zu ihrer Tante. Sie weist Annette an, mit einer Lampe an der Außentür der gewölbten Galerie zu warten, und schleicht dann allein in die Dunkelheit hinaus. Sie gibt Annette die Lampe, um nicht von den Wachen entdeckt zu werden, und betritt die Terrasse, wo Barnardine wartet. Er macht ihr Vorwürfe wegen ihrer Verspätung und führt sie dann durch ein Seitentor in einen feuchten, nach Fäulnis stinkenden Gang, während seine Fackel im dichten Dunst flackert.
Auf halbem Weg hält Barnardine an, um die Fackel zurechtzustutzen, und Emily sieht einen Erdhaufen um ein offenes Grab herum. Die Vorahnung trifft sie: Hier wird ihre Tante begraben werden, oder hier wird sie zurückgelassen werden, um zu verwesen. Sie erstarrt, zu verängstigt zum Fliehen, zu sehr gefangen, um zu kämpfen. Sie zwingt sich, ihre Angst zu unterdrücken, und folgt ihm eine Treppe hinauf in den ersten Hof des Schlosses, dann eine enge Wendeltreppe in einem Westturm hinauf. Auf einem Absatz schließt Barnardine eine schwere Eichentür auf, sagt Emily, sie solle drinnen warten, während er Madame Montoni Bescheid gebe, dass sie komme, und schließt die Tür hinter ihr.
Emily gefriert das Blut in den Adern, als sie erkennt, dass er die Treppe hinabsteigt, nicht hinauf. Sie lauscht auf Schritte aus dem Raum über ihr, hört aber nur den Wind, der durch die Risse des Turms heult. Als sie Barnardines Stimme im Hof unten hört, weiß sie, dass sie verraten wurde. Sie stürmt zur Tür, aber sie ist fest verschlossen. Panik macht sich breit: Sie sieht sich in dem kahlen Raum mit Eichenvertäfelung um und erblickt einen eisernen Stuhl, der am Boden verankert ist, mit eisernen Ringen an seinen Arm- und Fußlehnen, und einen eisernen Ring, der an einer Kette darüber hängt – Folterinstrumente. Ihr Blick fällt auf einen schweren Vorhang an einer Seite des Raumes, und eine schreckliche Gewissheit erfasst sie: Dahinter liegt die Leiche ihrer Tante. Mit einem Schluchzen der Verzweiflung reißt sie den Vorhang zur Seite und findet eine blutgetränkte Leiche, deren Gesicht von Wunden entstellt ist. Der Anblick ist zu viel für sie: Die Lampe entgleitet ihrer Hand, und sie sinkt bewusstlos am Fuß des Sofos zusammen.
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